Schmidt Vom sudetendeutschen Verlagswesen

Adalbert Schmidt: Vom sudetendeutschen Verlagswesen.
In: ders.: Die sudetendeutsche Dichtung der Gegenwart. Reichenberg: Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus, 1938, S. 141–148
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Das sudetendeutsche Verlagswesen hat sich erst nach dem Umsturz des Jahres 1918 herausgebildet. Bis dahin wurden die Sudetendeutschen in der Hauptsache von reichsdeutschen und von Wiener Verlegern versorgt. Die größere Wirkensweite deutscher Verlagsanstalten hieß schon damals bedeutende Dichter jenseits der Grenzen der Monarchie ihr geistiges Gut absetzen. So wurden beispielsweise E.G. Kolbenheyer und Hans Watzlik mit ihren ersten Werken bei Verlegern heimisch, die auch später um sudetendeutsches Schrifttum sich vielfach verdient machten: Georg Müller (jetzt Langen-Müller) in München und L. Staackmann in Leipzig. Kein Wunder, daß diese Dichter auch in Hinkunft ihren Unternehmen treu blieben und daß andere sudetendeutsche Autoren, die zu Ruf und Ansehen gelangten, ihre Erzeugnisse reichsdeutschen Verlegern überantworteten. Denn nicht nur eine ungleich stärkere Verbreitungsmöglichkeit war damit gegeben, sondern zugleich auch die Gewähr, daß der Umlauf ihrer Werke nicht durch die verschiedentlichen Maßnahmen und Verbote des Tschechoslowakischen Staates gedrosselt oder gänzlich gehindert wurde.

Obwohl auf diese Weise die Lage für ein sudetendeutsches Verlagswesen durchaus nicht günstig war, begannen nach dem Kriege doch eine Reihe von Unternehmen, oft unter den schwersten Verhältnissen, zu entstehen. Gewisse Belange mußten infolge der neuen politischen Wirklichkeit auch verlegerisch auf eigenen Boden gestellt werden, vor allem alle Angelegenheiten des Schulwesens. Der neue Staat trug auch hier seinem politischen Willen Rechnung und so verschwanden naturgemäß all die Schulbücher, die bisher größtenteils aus Wien gekommen waren. Aber auch auf anderen Gebieten war nun ein Wirkungsfeld für eigene verlegerische Tätigkeit gegeben: auf dem Gebiet der Heimatkunde, der Volksbildung, des Büchereiwesens, der Geschichte und Kunst des sudetendeutschen Raumes. Und sodann kam, vorerst allerdings in nur bescheidenem Maße, auch die schöne Literatur zu ihrem Recht. Mit dem Wachsen eines einheitlichen politischen Willens der Sudetendeutschen erstarkte auch dieser Verlagszweig, der berufen ist, die Dichtung und damit die Kunde von Art und Wesen völkischen Lebens in alle Kreise zu tragen.

Der Weg, den die sudetendeutschen Verleger zu gehen haben, war und ist ein schwerer Weg, der vielfache Opfer und einen starken ideellen Einsatz erfordert. Im eigenen Raume haben sie nur ein kleines Hinterland zu ersorgen, eine Bevölkerung, die wohl bildungswillig, aber nicht kaufkräftig ist. Das steigende Interesse des deutschen Volkes an auslanddeutschen Dingen, in unserem Falle an sudetendeutscher Dichtung, kommt leider dem sudetendeutschen Verleger nur in sehr geringem Maße zugute. Denn da diese Verleger nicht über die Mittel und damit über die Propagandamöglichkeiten reichsdeutscher Betriebe verfügen, kann man es den bedeutenden Dichtern des Landes nicht verdenken, wenn sie den Großteil ihrer Werke im Reich verlegen. Eine Änderung könnte hier nur geschaffen werden, wenn maßgebende Stellen im Reich das sudetendeutsche Buch auch verlegerisch förderten und wenn die reichsdeutsche Buchhändlerschaft sich einmal die Mühe nehmen wollte, die Verlagstätigkeit sudetendeutscher Verleger näher zu betrachten. Sie würde gar manches Wertvolle finden, das zu einem Leben im kleinsten Kreise verurteilt ist und das doch die Kraft in sich hätte, zum ganzen Volke zu sprechen. Vom sudetendeutschen Verleger aber muß als Gegenleistung gefordert werden, daß er streng und gewissenhaft sein großes Mittleramt versieht und jedem Dilettantismus aufs entschiedenste zurückweist. Ein Verlag, der aus freundschaftlicher Haltung, oder gar deshalb, weil die Verfasser die Druckkosten selbst bezahlen, Erzeugnisse künstlerischer Analphabeten verlegt, schädigt nicht nur die anderen Autoren seines Unternehmens, sondern die ganze sudetendeutsche Verlegerschaft.

Es kann nicht Aufgabe dieses Anhangs sein, lange Listen über die Tätigkeit der einzelnen Verlagsunternehmen zu bringen. Hier müssen einige Hinweise auf das Wesentliche genügen.

Zum Mittelpunkte sudetendeutscher Verlagstätigkeit ist nach dem Kriege Reichenberg geworden, das man in dieser Hinsicht auch das sudetendeutsche Leipzig genannt hat. Hier haben mehrere größere Verlagsunternehmen ihren Sitz.

Der Verlag Gebrüder Stiepel umfaßt die verschiedensten Verlagszweige. Neben allen Arten von Schulbüchern ist hier namentlich die rechtswissenschaftliche Literatur stark vertreten. Hier erscheinen die Textausgabe der tschechoslowakischen Gesetze. Die „Böhmerland-Drucke“ umfassen bibliophile Druckwerke, die Zeugnisse sudetendeutscher Vergangenheit sind, wie die Bände „Altes deutsches Recht aus Böhmen und Mähren“, „Der Ackermann aus Böhmen“, „Die Tepler Bibel des 14. Jahrhunderts“, „Tristan und Isolde“ (des Gottfried-Epigonen Heinrich von Freiberg). Im gleichen Verlag gibt Erich Gierach seine „Sudetendeutsche Lebensbilder“ heraus, die die kulturelle Bedeutung der Sudetendeutschen von den ältesten Zeiten her beleuchten. In einer großen Sammlung „Bücher der Deutschen“ sind hauptsächlich Dichter des neunzehnten Jahrhunderts in wohlfeilen Ausgaben herausgebracht. Die Gegenwartsdichtung weist unter anderen Erscheinungen von Werke Hohlbaums, Strobls, Watzliks, K.A. Mayers, Jakschs und Wildners auf. Im Verlag der Gebrüder Stiepel erscheint auch die Reichenberger Zeitung.

Der Sudetendeutsche Verlag Franz Kraus in Reichenberg ist seit je führend auf dem Gebiete der Volkskunde und Heimatbildung. Hier wirkte Emil Lehmann viele Jahre hindurch beispielgebend. Sein großes „Handbuch der sudetendeutschen Volksbildung“ umfaßt alle Bereiche kulturellen Lebens und zeigt ein gerundetes Bild der vielseitigen volkskundlichen Tätigkeit in den Sudetenländern. Eine beträchtliche Zahl von Schriftenreihen, die Übersichten über Entwicklung und Lage des Sudetendeutschtums in Vergangenheit und Gegenwart geben, sind im Sudetendeutschen Verlag erschienen. Wir nennen die Reihen: „Der Volksbildner“, „Sudetendeutsches Volk und Land“, „Sudetendeutsche Heimatgaue“, die „Erbtruhe“, „Flugschriften zu Heimatschule und Volkserziehung“, „Ratgeber für Volksbildner“, „Volksbildnerische Tagungshefte“ usw. Der Verlag betreut ferner die von Erich Gierach und Herbert Cysarz herausgegebenen „Prager deutschen Studien“, die in der Hauptsache literaturwissenschaftliche Untersuchungen bringen, und die „Prager Studien aus dem Gebiete der Geschichtswissenschaft“. Auch die von der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaften und Künste in der Tschechoslowakischen Republik herausgegebenen „Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte“ sind hier beheimatet. Die „Bibliothek deutscher Schriftsteller aus Böhmen, Mähren und Schlesien“ umfaßt Werke von Sudetendeutschen aus allen Jahrhunderten, darunter die große kritische Adalbert Stifter-Ausgabe. – In jüngster Zeit hat sich der Verlag auch der schönen Literatur wieder stärker zugewendet. So erschien hier neben erzählenden Dichtungen das „Sudetendeutsche Balladenbuch“. Eine Reihe „Sudetendeutsche Bühnen- und Hörspiele“ hat ebenso zu erscheinen begonnen wie eine Sammlung „Sudetendeutsche Dichterbücher“. Auch die Mundartdichtung fand im Sudetendeutschen Verlag Franz Kraus eine Pflegestätte. – Von den vielen Zeitschriften, die der Verlag im Laufe seiner nun bald zwanzigjährigen Tätigkeit (er wurde 1919 gegründet) herausgab, verdienen heute die kulturpolitischen Monatshefte „Volk an der Arbeit“ (19. Jahrgang der „Heimatbildung“) besonders hervorgehoben zu werden. Ihre Leitung liegt in den bewährten Händen von Arthur Herr. Seit Beginn des Jahres 1938 erscheint eine vornehm ausgestattete und bebilderte Monatsschrift „Kunst und Handwerk“, die über das sudetendeutsche Kunstleben auf dem Gebiete der Malerei, Bildhauerei, Graphik, Architektur, Gartenkunst, Volkskunst und des Kunsthandwerks unterrichtet. Ein sehr dankenswertes Unternehmen ist auch die Herausgabe der „Deutschen Bibliographie“, die sämtlich Veröffentlichungen in den Sudetenländern verzeichnet.

Der Verlag Paul Sollors Nachfolger in Reichenberg bringt hauptsächlich Pädagogik, ferner Lehrbücher und Jugendschriften, daneben auch Heimatliteratur. Auch der Nordböhmische Verlag in Reichenberg ediert Schulbücher und methodische Unterrichtsbriefe. Künstner in Böhmisch-Leipa bringt neben pädagogischen Hilfsbüchern hauptsächlich Kalender. Steinbrenner in Winterberg ist als Gebetbücher- und Kalenderverlag bekannt.

Der seit 150 Jahren bestehende Verlag Rudolf M. Rohrer in Brünn entfaltet eine vielseitige Tätigkeit auf dem Gebiete der Geschichte, Kunstgeschichte, Musikgeschichte, Volkskunde, Sprach- und Literaturgeschichte, aber auch der Rechts- und Wirtschaftsgeschichte. Hier erscheint eine ganze Anzahl wissenschaftlicher Sammlungen und Reihen, so die Topographie der historischen und kunstgeschichtlichen Denkmale in der Tschechoslowakischen Republik, die Schriften der philosophischen Fakultät der Deutschen Universität in Prag, die Studien zur osteuropäischen Geschichte, die Veröffentlichungen des musikwissenschaftlichen Instituts der Deutschen Universität in Prag usw. Der Verlag Rohrer hat seine Beziehungen zu verschiedenen wissenschaftlichen Instituten in Wien aufrechterhalten und daher nach dem Kriege eine Niederlage und Druckerei in Baden bei Wien errichtet. So erscheinen unter anderem die Österreichische Kunsttopographie, die Veröffentlichungen des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung, die Veröffentlichungen des Seminars für Wirtschafts- und Kulturgeschichte an der Universität Wien in seinem Verlag. Rohrer hat ferner die Bestände des kunstgeschichtlichen Verlags Benno Filser in Augsburg übernommen. Von den Zeitschriften des Verlags seine die Zeitschrift für Bücherfreunde „Philobiblon“, die „Zeitschrift für sudetendeutsche Geschichte“ (herausgegeben von Wilhelm Wostry) und die „Musikblätter der Sudetendeutschen“ genannt.

Der Verlag Eduard Strache in Warnsdorf verlegte in der ersten Nachkriegszeit hauptsächlich expressionistische Literatur, darunter vielfach Bücher jüdischer Autoren. Bemerkenswert sind seine musikgeschichtlichen Veröffentlichungen.

Der Johannes-Stauda-Verlag wurde im Jahre 1919 zunächst als Böhmerlandverlag in Eger gegründet, der die Böhmerlandjahrbücher, die Zeitschrift Böhmerland und die Böhmerland-Flugschriften edierte. Als ihm im Jahre 1923 die Konzession entzogen wurde, erstand dann nach kurzer Zwischenzeit im Jahre 1924 der Johannes-Stauda-Verlag in Augsburg und 1927 in Kassel-Wilhelmshöhe. Der Verlag hat sich namentlich des wissenschaftlichen sudetendeutschen Buches angenommen. Dabei wurde meist mit wissenschaftlichen Gesellschaften zusammengearbeitet. Aber auch schöne Literatur ist vertreten (etwa Merkers Lyrik). Seit 1925 erschienen hier die „Sudetendeutschen Jahrbücher“; auch die Zeitschrift „Witiko“ (Zeitschrift für Dichtung und Kunst des Vereins „Literarische Adalbert-Stifter-Gesellschaft“) war hier beheimatet.

Der Verlag Eduard Kaiser (Groß-Schönau i.Sa. und Böhm.-Leipa), der ab 1936 (Berichtsjahre1933–1935) die Sudetendeutschen Jahrbücher der Anstalt für sudetendeutsche Heimatforschung weiterführte, pflegt auch die schöne Literatur. Hier erschienen unter anderem Erzählungsbände von Emil Merker, Robert Lindenbaum, Ernst Frank, Gustav Lerch.

Der größte sudetendeutsche Verlag für schöngeistiges Schrifttum ist Adam Kraft in Karlsbad-Drahowitz. Als er 1927 ins Leben trat, brachte er zunächst nur die heimatlichen Bildmappen „Reichenberg und der Jeschken“ und „Heimat, liebe Heimat“. Dann aber gelang es, durch die „Sudetendeutsche Buchgemeinschaft“ (später „Sudetendeutscher Bücherbund“) dem Verlag eine Grundlage zu schaffen, auf der er weiterbauen konnte. Und so sammelte sich hier nach und nach ein beträchtlicher Teil des sudetendeutschen Schrifttums von heute. Von der älteren Generation der Leutelt, Watzlik, Strobl bis zu den Jüngsten wie Höller, Görgl, Schneider sind hier alle Namen vertreten. Hervorgehoben sei die wohlfeile „Volksdeutsche Reihe“. Bei Kraft erschienen auch Alfred Schmidtmayers verdienstvolle Bücher über das Sudetendeutschtum. An Zeitschriften gibt der Verlag den „Ackermann von Böhmen“ und „Das Deutsche Erbe“ heraus. Sie werden von Karl Franz Leppa betreut.

Der Verlag Karl Hermann Frank in Karlsbad ist das Lager des politischen Schrifttums im Dienste der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins. Neben Büchern und Broschüren, die über Werden und Wachsen der Bewegung unterrichten, sind auch Liederbücher und Jugendschriftenreihen vertreten.

Die Verlagsanstalt Moldavia in Budweis verlegt Sagen-, Volks- und Erzählungsbücher aus dem heimatlichen Kreis, Josef Czerny in Landskron bringt unter anderem die „Landskroner Heimatbücherei“ und die „Schönhengstler Heimatbücherei“ heraus. Bei Ambrosius Opitz in Warnsdorf ist die sudetendeutsche Mundartanthologie „Heimatsklänge“ erschienen. Daneben steht noch eine Anzahl größerer und kleinerer Verlagsbuchhandlungen, bei denen die oder jene Gelegenheitsarbeit herauskommt.

Im ganzen gesehen also eine für die Bevölkerungszahl nicht unerhebliche Verlagstätigkeit. Aber diese Tätigkeit soll sich nicht erschöpfen in einem kleinen Raume, dessen Bücher- und Bildungshunger bald gesättigt ist. Was die sudetendeutsche Dichtung durch das Mittleramt des Verlegers der Gesamtnation zu geben hat, darf nicht durch Grenzpfähle behindert werden. Der sudetendeutsche Verleger muß sein Tun und Wirken auf eine gesamtdeutsche Basis stellen. Denn nur von ihr aus kann er dem ihm anvertrauten Schrifttum gerecht werden. Dabei muß ihm der Autor ebenso helfen wie der reichsdeutscher Buchhändler. Erst dann wird das sudetendeutsche Buch völlig einbezogen sein in den Blutkreislauf gesamtdeutschen Lebens.