Bausteine

Bausteine zu einer Geschichte der deutschsprachigen Verlage in den böhmischen Ländern 1919-1945

Vorbemerkung

Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten bei Tagungen und in wissenschaftlichen Publikationen immer wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen worden ist, dass die Forschung sich nicht nur mit der „Prager deutschen Literatur“ (also der ‚reinen Dichtung‘), sondern auch mit der Regionalliteratur in Böhmen und Mähren sowie mit der Literaturvermittlung im weitesten Sinn (also auch mit der Verlags- und Buchhandelsgeschichte) einmal befassen sollte, ist wenig geschehen. In den letzten Jahren habe ich in mehreren Publikationen den Versuch gemacht, den Blick der Forschung auf die einzigartigen Verlagslandschaften zu richten.[1]

Die Verlagsgeschichtsschreibung des geographischen Raums der Tschechoslowakischen Republik von 1919 bis 1945 ist – aus verschiedenen Gründen – ein Stiefkind der Forschung und ein Tabuthema geblieben. Die Erinnerungen an die Ereignisse der Vor- und Nachkriegszeit sind/waren nicht dergestalt, dass man sich auf deutscher und/oder tschechischer Seite dieser Vergangenheit stellen wollte. Auf der österreichischen Seite der Grenze hat es immerhin vierzig Jahre gedauert, bis es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Buchhandels in der Zwischenkriegszeit, Kriegszeit und Nachkriegszeit gekommen ist.[2] Man könnte allerdings nicht behaupten, dass die Branche sich ihrer Geschichte bis dato gestellt hätte. Hinzu kommt, dass die großangelegte und sehr verdienstvolle Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, die bei de Gruyter erscheint, zwar den „deutschen Auslandsbuchhandel“ thematisiert, den „deutschen Buchhandel bzw. Buchmarkt“ außerhalb der Weimarer Republik aber nicht wahrnimmt. Es bleibt also ein Desiderat, den deutschen Buchhandel wenigstens in jenen Ländern einmal näher anzusehen, die vom Börsenverein anerkannte Buchhandelsvereine aufwiesen. Die Geschichte des deutschen Buchhandels in den Ländern der ehemaligen Habsburgmonarchie wäre auch noch ein weites Forschungsfeld.

Wenn man das Buchhandels- und Verlagswesen auf dem Gebiet der böhmischen Länder näher betrachtet, kommt man zum Schluss, dass es verschiedene Verlagslandschaften gegeben hat, die sich nur peripher berührten. Und es ist ein Paradoxon der „Prager deutschen Literatur“, dass sie zwar (im wesentlichen) in Prag entstanden ist, aber außerhalb verbreitet und rezipiert wurde. Prag war zwar zweifelsohne wichtig für den Buchhandel, aber als Produktionsort für deutschsprachige Literatur spielte die Stadt eine vergleichsweise marginale Rolle.

Parallel zu Prag als Markt existierte eine zweite, überaus bunte Verlagslandschaft in den Sudetenländern. Hier wurden – mit dem eindeutigen Blick nach innen – primär die Bedürfnisse der Sudetendeutschen befriedigt und der Absatzmarkt Prag war hier sekundär. So ist erklärbar, dass nach 1919 Reichenberg/Liberec nicht nur Standort der geplanten „Nationalbibliothek“, d.h. der „Bücherei der Deutschen“[3], war, die als „die bedeutendste Schöpfung des Sudetendeutschtums in der Nachkriegszeit“ bezeichnet wurde, sondern auch zum Verlagszentrum und zum Standort mehrerer, vor allem dem Sudetendeutschtum dienenden Verlage wurde.

Die Eigenheit des sudetendeutschen Verlagswesens – durch die Verteilung der deutschsprachigen Bevölkerung (in etwa 3.5 Millionen Menschen) – bringt es mit sich, dass es neben bis zu einem halben Dutzend in der Relation „mittelgroßer“ Verlage zahlreiche Kleinstverlage existierten – von den vielen Selbstverlagen ganz zu schweigen – , die zeitweise Lokalfremdenführer, Vereins- und Gymnasialschriften oder lokale Mundartdichtung herausgaben. In der Regel war der reichsdeutsche oder österreichische Absatzmarkt für diese meist spezifisch sudetendeutschen Verlagsprodukte vernachlässigbar bis nicht existent. Die Tatsache, dass es in so vielen Orten „Verlage“ gegeben hat, findet übrigens sein Spiegelbild in der zersplitterten Organisation der Standesvertretung.

Die sudetendeutsche Verlagslandschaft hat sich eigentlich erst ab 1919 richtig entwickelt. Selbstverständlich hat es vor dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie in Böhmen und Mähren namhafte deutschsprachige Verlage gegeben, wie etwa Rudolf M. Rohrer in Brünn, aber die Gründung der Tschechoslowakischen Republik führte dazu, dass jene Werke, und hier sind zum Beispiel Schul- und Lesebücher sowie juristische Werke gemeint, die bis dahin aus Wien bzw. Österreich importiert wurden, zur Geschäftsgrundlage so mancher bestehender Verlage bzw. Neugründungen in Reichenberg oder anderswo wurden, nicht zuletzt, weil der Staat bestimmte, dass solche Bücher im Inland herzustellen waren. Eine weitere wichtige Eigenart der sudetendeutschen Verlagslandschaft ist die Rolle, die die (sudetendeutschen) Vereine und hier vor allem die für die Identitätsstiftung extrem bedeutenden Volksbildungsvereine und die beinahe flächendeckenden Büchereien spielten.[4]

Deutsche Bibliographie TitelblattEine besondere Eigenart des Verlagswesens sowohl in der Tschechoslowakei insgesamt als auch in den mehrheitlich deutschsprachigen Gemeinden außerhalb Prags ist einerseits die breite Verteilung der Vertriebsstellen, andererseits die Verteilung der Produktion. Wenn man die Deutsche Bibliographie. Veröffentlichungen in den Sudetenlanden (siehe unten) näher ansieht, ist es erstaunlich festzustellen, wie viele Publikationen außerhalb des organisierten Buchhandels erscheinen. So liest man im Fachorgan Der Buchhändler 1934, „daß mehr als die Hälfte der Produktion unter Ausschluß der gewerbemäßigen Verlage auf den Markt kommt und zumeist ihren Weg ebenfalls unter Ausschluß des Buchhandels zum Publikum findet. Daraus ergeben sich sowohl für den Verlag als auch das Sortiment Schwierigkeiten, die sehr schwer zu beseitigen sind, weil dieser Verlagsproduktion vielfach ein Verteilungsapparat zur Verfügung steht, zu dem vornehmlich Organisationen und Gewerkschaften zählen.“[5]

Ähnlich fällt die Auswertung der Jahresproduktion bei Büchern in der Tschechoslowakei für das Jahr 1932 aus: „Das Jahr 1932 brachte ein Ansteigen auf 8189, woran allerdings der Staat mit 18% beteiligt ist. Diese Zahl setzt sich zusammen aus 6040 tschechischen Büchern, 789 in slowakischer, 926 in deutscher und 195 in ungarischer Sprache, der Rest verteilt sich auf slavische, germanische und romanische Bücher. Die Verteilung der Produktion ergibt folgendes Bild: Herausgebracht wurden in tschechischen Verlagen 33%, in slowakischen Verlagen 2%, in deutschen Verlagen 3%; der verbleibende Rest von rund 60% erschien außerhalb des Buchhandels (öffentliche Hand, Selbstverlag u.a.).“[6]

Zu den Primärquellen einer Geschichte der deutschsprachigen Verlage in den böhmischen Ländern

Neben der von mir bereits referierten Literatur (siehe Anm. 1) sollen zwei noch eingehend auszuwertenden Primärquellen hier genannt werden. Da ist zum einen das Fachorgan Der Buchhändler zu nennen, das von 1920 bis 1939 erschien und dessen Bestand heute nur in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig vollständig zu sein scheint (der Bestand der Wiener Universitätsbibliothek umfasst die Jahre 1924 bis 1938). Diese Publikation trug den Untertitel:

„Halbmonatsschrift und Ankündigungsblatt für den Buch-, Kunst- und Musikalienhandel und das Antiquariat in der Tschechoslowakei. Organ des Verbandes der deutschen Buch-, Kunst- und Musikalienhändler u. Verleger in der Tschechoslowakei (Sitz Dux), der Genossenschaft der Buch-, Kunst- und Musikalienhändler in den Handelskammerbezirken Eger und Reichenberg (Sitz Aussig), sowie des Vereines Deutscher Buchhändler Böhmens (Sitz Dux) und des Vereines der Mährisch-schlesischen Buchhändler (Sitz Brünn).“

Der Buchhändler 1939

An zweiter Stelle zu nennen ist die vom Reichenberger Verleger und Buchhändler Franz Kraus ins Leben gerufene, ab Mai 1922 regelmäßig in den Ausgaben des Organs Der Buchhändler und jährlich ab 1931 als selbstständige Veröffentlichung erscheinende Publikation Deutsche Bibliographie. Veröffentlichungen in den Sudetenlanden.[7] Diese Publikation ist für die Forschung deshalb von unschätzbarem Wert, weil man nicht nur einen Überblick über sämtliche Veröffentlichungen gewinnt, sondern auch die Produktion einzelner Verlage verfolgen kann.

Zur Struktur der „Bausteine“

Der erste Teil der hier präsentierten Materialien besteht aus Überblicksdarstellungen zur „sudetendeutschen Verlagsgeschichte“. Es sind ausschließlich Artikel, die vor 1939 und nicht selten an entlegenen Orten erschienen sind. Fast allen eigen ist ein kämpferischer, ja militanter Ton. Ebenso hier angeboten sind Exzerpte aus den im Buchhändler publizierten Jahresberichten der Standesvertretung, die es erlauben, die aktuelle Entwicklung der Verlagsbranche zu verfolgen.

Der zweite Teil soll lexikonartig strukturiert sein und in alphabetischer Reihenfolge die relevanten Verlage, deren bislang bekannte Geschichte und Produktion etc., teilweise in der Form von Selbstzeugnissen beschreiben. Die einzelnen Einträge verstehen sich als „work in progress“ und können jederzeit korrigiert und erweitert werden. Für eine solche Herangehensweise spricht der Umstand, dass eine umfassende Verlagsgeschichte einen längeren Zeitraum in Anspruch nimmt. Ja, im Idealfall wäre (ist) es notwendig, vor Ort die – so vorhanden – einschlägigen Akten der Handelskammer und Handelsgerichte einzusehen und auszuwerten. Bei Eckdaten der Geschichte der einzelnen Verlage ist man sonst auf Buchhandelsadressbücher angewiesen.

Anregungen und Hinweise sind stets willkommen (office@murrayhall.com)!


Anmerkungen

[1] Murray G. Hall: Prag und die Regionen? Überlegungen zu einer Geschichte der deutschsprachigen literarischen Verlage in den böhmischen Ländern 1919-1945. In: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 19 (2010), S. 275–334; ders.: Zur Geschichte der Buchgemeinschaften in den böhmischen Ländern. Eine tabula rasa. In Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich 2010-2, S. 7–38. Verlagslandschaften 1919–1945. In: Peter Becher, Jozo Džambo, Anna Knechtel (Hrsg.): Prag – Provinz. Wechselwirkungen und Gegensätze in der deutschsprachigen Regionalliteratur Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens. Wiesbaden–Wien: Arco Verlag, 2014, S. 53–70 (= Arco Wissenschaft, Band 27).  Siehe ferner: „Ein Bilderbuch aus dem Märchenhaus Stiepel„. Zum Kinderbuchprogramm des Verlages Gebrüder Stiepel in Reichenberg. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 70/2015, S. 1–13. sowie Der Verlag Gebr. Stiepel als Förderer heimischer Künstler. In: Na cestách/Auf Reisen. Internationale Kulturimpulse im Schaffen deutschsprachiger Künstler und Künstlerinnen aus Böhmen, Mähren und Schlesien. Eds. Anna Habánová und Ivo Habán. Liberec: Oblastní galerie Liberec 2016, S. 112–119. (ISBN 978-80-87707-17-3). Zur Buchhandelsgeschichte siehe auch: Zdeněk Šimeček: Geschichte des Buchhandels in Tschechien und in der Slowakei. Übers. v. Armin Hetzer. Wiesbaden: Harrassowitz, 2002, sowie ders.: Neuere Forschungen zur Geschichte des Buchwesens in den böhmischen Ländern und der Tschechischen Republik. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich 2004-1, S. 25-41.

[2] Murray G. Hall: Österreichische Verlagsgeschichte 1918-1938. Band I: Geschichte des österreichischen Verlagswesens; Band II: Lexikon der belletristischen Verlage. Wien: Böhlau Verlag 1985. 1027 S. (= Literatur und Leben. Neue Folge, Band 28/I-II.)

[3] Sehr ausführlich dazu „Die Bücherei der Deutschen in Reichenberg.“ In: Handbuch der sudetendeutschen Volksbildung: Kulturpolitisches Handbuch in Selbstdarstellungen der sudetendeutschen Verbände. Herausgegeben im Auftrage der „Gesellschaft für Deutsche Volksbildung in der Tschechosl. Republik“ von Emil Lehmann. Reichenberg: Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus 1931, S. 156ff. Siehe auch Julia Feist: Das Konzept der Bibliothek in Liberec, Tschechien – Zentrum deutsch-tschechischer Begegnung, Kommunikation und Versöhnung. Diplomarbeit im Studiengang Bibliotheks- und Medienmanagement der Fachhochschule Stuttgart –Hochschule der Medien. 2004. (Im Internet abrufbar.)

[4] Zum Stand im Jahre 1931 siehe Handbuch der sudetendeutschen Volksbildung: Kulturpolitisches Handbuch in Selbstdarstellungen der sudetendeutschen Verbände. Herausgegeben im Auftrage der „Gesellschaft für Deutsche Volksbildung in der Tschechosl. Republik“ von Emil Lehmann. Reichenberg: Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus 1931, S. 154ff.

[5] Geschäftsbericht des Verbandes über das Jahr 1933. In: Der Buchhändler, 15. Jg., Nr. 25/27, 1.–21. September 1934, S. 96ff.

[6] Der Buchhandel in der Tschechoslowakei. In: Der Buchhandel der Welt. Aufbau, Verkehrswesen, Anschriften des Buchhandels in Europa und USA. In Selbstdarstellungen aus 25 Ländern. Hrsg. von Alfred Druckenmüller. Stuttgart: C.E. Poeschel o.J. [1935], , S. 216–225; hier S. 221.

[7] Dazu Franz Kraus in seinem Vorwort zum ersten Jahresband für 1931: „Im Jänner 1922 trat ich im sudetendeutschen Fachblatt ‚Der Buchhändler‘ an die deutschen Verleger-Kollegen in der Tschechoslowakei mit der Bitte heran, von jedem ihrer Verlagswerke ein Stück für die Deutsche Bibliographie abzuführen und für eine zukünftige Deutsche Universitätsbibliothek [sic!] zu widmen, um ihr eine lückenlose Erfassung der deutschen Bucherzeugung in der Tschechoslowakei zu ermöglichen.
Mein Ruf fand das erwartete Verständnis und schon im Mai 1922 konnte unter dem Titel ‚Deutsche Bibliographie, Veröffentlichungen in den Sudetenlanden‘ im Fachblatt fortsetzungsweise das Verzeichnis der einzelnen Bücher und Schriften, die in den Sudetenländern erscheinen, genauer gesagt, der von den deutschen Verlegern in der Tschechoslowakischen Republik herausgebrachten Werke, veröffentlicht werden. Darüber hinaus werden Veröffentlichungen nachgewiesen, die bei nichtdeutschen Verlagen des Staatsgebietes erscheinen, sofern sie für das Sudetendeutschtum wichtig sind, sowie Verlagswerke außerhalb des Staates, die sudetendeutsche Verfasser oder Herausgeber haben oder die das Sudetendeutschtum behandeln.“ Nach der Einverleibung des Sudetenlandes wurde Kraus, der NSDAP-Mitglied geworden war, zum Landesleiter der Reichsschrifttumskammer für den Gau Sudetenland.