Graphia

„Graphia“, Druck- und Verlagsanstalt GmbH, Karlsbad/Karlovy Vary

Die „Graphia“, Druck- und Verlagsanstalt GmbH ist in diesem Rahmen gewissermaßen ein Grenzfall, denn sie hat nur in sehr geringem Maße „Belletristik“ herausgegeben. Sie wurde erst mit dem Jahr 1933 zu einem „Exilverlag“ bzw., wie er manchmal apostrophiert wird: zum „Exilverlag der reichsdeutschen Sozialdemokratie“, denn seit dem Ersten Weltkrieg druckte die Firma unter anderem die Zeitschrift Die Konsumgenossenschaft[1]. Die Entwicklungen, die dazu führten, werden wie folgt beschrieben:

Als sich mit der Regierung Papen eine Gefährdung der Pressefreiheit zeigte, hielt im Herbst des Jahres 1932 der Vorstand der SPD Ausschau nach einem Asyl für seine Presse. Die deutschen Sozialdemokraten in der CSR verfügten über mehrere Tageszeitungen und Druckereien, von denen die Karlsbader Graphia die leistungsfähigste war. Im Herbst des Jahres 1932 verhandelte man mit deren Leiter, Ernst Sattler, über die Herausgabe einer im Sinne der reichsdeutschen Sozialdemokratie geleiteten Zeitung. An Emigration aber dachte noch niemand. Nachdem dann die politischen Ereignisse den PV zur Emigration veranlasst hatten und Prag als Sitz der Sopade gewählt worden war, gründete man im Anschluss an die Karlsbader Druckerei einen neuen Graphia-Verlag. Geschäftsführer wurde der Verlagsdirektor des Berliner Vorwärts, Artur Müller.[2] Aufgabe dieses Verlages war die Herausgabe von Zeitschriften und Büchern sowie die Herstellung von illegalem Propagandamaterial.[3]

Somit ist es nicht überraschend, dass der Verlag nicht im Adressbuch des Deutschen Buchhandels verzeichnet ist. Die Wochenzeitung Neuer Vorwärts erschien als erste Publikation Ende Juni 1933. Zum weiteren Programm liest man: „Neben der als theoretische Plattform dienenden und von Rudolf Hilferding redigierten „Zeitschrift für Sozialismus“ veröffentlichte der Verlag in kurzer Zeit eine Reihe von Büchern und Broschüren folgender Autoren: Curt Geyer, Erich Kuttner, Gerhart Seger, Wilhelm Hoegner, Karl Kautsky, Julius Deutsch, Franz Neumann, Arthur Rosenberg und Friedrich Stampfer. Den weitaus größten Erfolg erzielte 1934 Gerhart Segers Buch über Oranienburg mit der Schilderung seiner Flucht aus diesem KZ.“[4] Zu den Broschüren zählte die Publikation „Probleme des Sozialismus. Sozialdemokratische Schriftenreihe“, von der 13 Broschüren nachgewiesen werden konnten. Wie die Publikationen von Julius Deutsch und Gustav Richter wie auch jene über den Schutzbundprozess in Wien 1934 zeigen, stand der Verlag österreichischen Sozialdemokraten bzw. Themen offen gegenüber.


Die Verlagsproduktion

  • Adler, Max: Linkssozialismus. Notwendige Betrachtungen über Reformismus und revolutionären Sozialismus. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1933.
  • Bienstock, Gregor: Europa und die Weltpolitik. Die Zonen der Kriegsgefahr. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1936.
  • Braunes Deutschland. Bilder aus d. Dritten Reich. (Schriftenreihe, Nr. 1 und 2.) Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1935.
  • Decker, Georg: Revolte und Revolution. Der Weg zur Freiheit. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1934. (Probleme des Sozialismus, 7.)
  • Deutsch, Julius: Der Bürgerkrieg in Österreich. Eine Darstellung von Mitkämpfern und Augenzeugen. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1934. (Probleme des Sozialismus, 8) Verfügbar: Hauptbibliothek.
  • Deutsch, Julius: Putsch oder Revolution? Randbemerkungen über Strategie und Taktik im Bürgerkrieg. Karlsbad : Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1934. (Probleme des Sozialismus, 11).
  • Deutsche Flüsterwitze. Das Dritte Reich unterm Brennglas. Gesammelt und eingeleitet von Jorg Willenbacher (d.i. Franz Osterroth). Karlsbad: Graphia, 1935.
  • Doberer, Kurt: Hebt unsere Fahnen in den Wind! Gedichte dieser Zeit (1936).
  • Dokumente zum Wiener Schutzbundprozeß. Hrsg. v. der „Kommission zur Untersuchung der Lage der politischen Gefangenen“. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, ([1934]).
  • Eckmann, Friedrich: Menschen und Masken. Fälle aus dem Leben eines Staatsanwaltes (1936).
  • Eichert, Franz: Neu beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, [1933].
  • Fischer, Josef; Patzak, Václav; Perth, Vincenc: Ihr Kampf. Die wahren Ziele der Sudetendeutschen Partei. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, o.J.
  • Franz, Leopold (Franz L. Neumann): Die Gewerkschaften in der Demokratie und in der Diktatur. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1935. (Probleme des Sozialismus, 13)
  • Friedrich, Otto: (d. i. Otto Friedlaender?): Selbstmord einer Republik. (1933).
  • Geyer, Curt: Volk in Ketten. Deutschlands Weg ins Chaos. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1934. (Probleme des Sozialismus, 3)
  • Historikus (d.i. Arthur Rosenberg): Der Faschismus als Massenbewegung. Sein Aufstieg und seine Zersetzung. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1934. (Probleme des Sozialismus, 12)
  • Hoegner, Wilhelm: Der Faschismus und die Intellektuellen. Untergang des Deutschen Geistes. Von Landgerichtsdirektor *** [d.i. Wilhelm Hoegner]. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1934. (Probleme des Sozialismus, 6.)
  • Justinian [d.i. Erich Kuttner]: Reichstagsbrand. Wer ist verurteilt? Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1934. (Probleme des Sozialismus, 4.)
  • Kautsky, Karl: Grenzen der Gewalt. Aussichten u. Wirkungen bewaffneter Erhebungen des Proletariats. Von ***. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1934. (Probleme des Sozialismus, 10.)
  • Kleinberg, Alfred/Blatny, Fanni: Das Denkmal der unbekannten Proletarierin. Die sudetendeutsche Arbeiterinnenbewegung bis zum Weltkrieg. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1937.
  • Konzentrationslager. Ein Appell an das Gewissen d. Welt. Ein Buch d. Greuel. Die Opfer klagen an. Dachau, Brandenburg, Papenburg, Königstein, Lichtenburg, Colditz[u.a.][Mit Abb.] Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1934. (Probleme des Sozialismus, 9.)
  • Miles [d.i. Walter Loewenheim]: Neu beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1933. (Probleme des Sozialismus, 2)
  • Pertinax (d.i. Otto Leichter): Barbarei oder Sozialismus? Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1935. (= Der Kampf – Schriftenreihe der Sonderabdrucke)
  • Revolution Hitler. Revolution gegen Hitler! Die historische Aufgabe der deutschen Sozialdemokratie. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, [1933].
  • Richter, Gustav: Die legalen Arbeiterorganisationen und der Sozialismus in Österreich. Karlsbad: Selbstverlag, Druck: „Graphia“, 1937.
  • Rosenberg, Arthur: Geschichte der deutschen Republik. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1935.
  • Seger, Gerhart: Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten. Karlsbad : Graphia, 1934. (Probleme des Sozialismus, 5.)
  • Singendes Volk. Volkslieder – Jugendlieder – Kampflieder. Ausgewählt von Franz Orr (d. i. Franz Osterroth). Hg. von der Zentralstelle für das Bildungswesen, Prag. (1938).
  • Stampfer, Friedrich: Die vierzehn Jahre der ersten deutschen Republik. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1936.

    Stein, Alexander: Adolf Hitler. Schüler der „Weisen von Zion“. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1936.

  • Wielek, Heinz: Verse der Emigration. Gesammelt. Karlsbad: Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“, 1935.

Anmerkungen

[1] Dazu Andreas Reich: Von der Arbeiterselbsthilfe zur Verbraucherorganisation. Die deutschen Konsumgenossenschaften in der Tschechoslowakei 1918–1938. München: Oldenbourg, 2004, S. 332. (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum; 87), S. 332: „Weil die Konsumgenossenchaften aber nur eine Hausdruckerei betreiben konnten, wurden fast alle Publikationen bei der „Graphia“ Druck- und Verlagsanstalt GmbH in Karlsbad gedruckt, an der der VdW seit 1920 mit einem Kapital von 100 000 Kč beteiligt war. Anfangs verfügte der Betrieb lediglich über eine kleine Tiegeldruckpresse, die ein Buchdrucker bediente. 1925 wurde eine Schnellpresse angeschafft und im darauffolgenden Jahr eine zweite Tiegeldruckpresse. Der Betrieb erfuhr eine ständige Vergrößerung und Anfang der dreißiger Jahre arbeiteten zusätzlich eine Setzmaschine, eine Schnellpresse und diverse Hilfsmaschinen zum Falzen, Heften, Perforieren, Schneiden usw. Die Druckerei beschäftigte insgesamt zehn Personen.“

[2] Näheres zu Arthur Müller findet sich bei Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler und Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933. Ein biographisches Handbuch. Elbingen: Verband Deutscher Antiquare, 2011,  S. 222. Müller war von 1933 bis 1935 Geschäftsführer der Druck- und Verlagsanstalt „Graphia“. Zu Fritz Heine, Geschäftsführer und Umbruchredakteur des Neuen Vorwärts, siehe Fischer, S. 125.

[3]  Website der Friedrich-Ebert-Stiftung: Archiv der sozialen Demokratie.

[4] Ebenda.